DU vs. SIE

DU vs. SIE

15.7.2021  /  von Stéph Rovati

DUzt du schon oder SIEzen Sie noch? Wurde mir doch als Kind beigebracht die Erwachsenen mit SIE anzusprechen. In jedem Fall und im besten Fall natürlich mit Namen. Auch die Eltern meiner Schulkameraden wurden mit SIE angesprochen, das war ein Prädikat für Respekt und Hochachtung. Voilà. Und wenn mich ein Erwachsener eingeladen hat ihn zu DUzen dann ist es schon mal vorgekommen, dass ich mehrere Anläufe von „SIE Herr Ge….“, zu „DU Martin“ gebraucht habe um dies ohne Versprecher hinzukriegen. Dann, während meiner Ausbildung eröffnete sich eine weitere Ära: Ich wurde geSIEzt, jedoch mit Vornamen. Mich hat es schier auf den Rücken gehauen vor Stolz. Gehöre ich jetzt zu den Grossen? Echt jetzt? Wohl nur ein bisschen, denn da war ja noch dieser Vorname…


Mittlerweile gehörte die Lehrabschlussprüfung der Vergangenheit an und so auch mein 20. Geburtstag. Und da hatte ich langsam, aber sicher gar kein Verständnis mehr dafür, dass mich teilweise Erwachsene nach wie vor (ob aus Gewohnheit oder nicht war mir völlig egal) noch DUzten und ich zwar schön brav, jedoch sichtlich leicht genervt, ein „Grüessech Herr/Frau XY“ über die Lippen brachte.  Und so kam der Tag, an dem es mich so wütend machte und ich meinen ganzen Mut zusammennahm und mit nervöser Stimmlage und etwas zittrig doch sehr dezidiert dem Chef meines Vaters (! 🙈) sagte: 

„Sie Herr Müller (Name von der Redaktion geändert! 😂), ich finde wir beide haben zwei Möglichkeiten:  Entweder ich darf Ihnen ab dato DU sagen oder wenn das für SIE nicht passt, so bin ich ab heute gerne Frau Zbinden (mein damaliger Ledigname) für SIE.“ Fazit: Wir SIEzen uns heute noch.  

Umgekehrter Weise hat mein Lehrmeister, das war die Ära „SIE Stéphanie“, nach erfolgreich bestandener Abschlussprüfung mich offiziell in der Welt der Erwachsenen willkommen geheissen, und hat mir vor versammelter Belegschaft das „DU“ angeboten. Beide ein Glas Wein in der Hand haltend haben wir unsere Arme ineinander verschlungen und einen Schluck auf die Besiegelung des DU’s getrunken. 

Das waren noch Rituale und Zeremonien, herrlich. Das ist und bleibt für mich das wertvollste „DU“ ever! Und wie läuft es heute? Leicht anders (ich habe ein breites Schmunzeln auf der Backe während ich das schreibe) und da gibt es auch unzählige Berichte, do’s & dont‘s, Empfehlungen UND die Knigge Regeln. Wer darf wem das DU anbieten, nach wie langer „SIE-Zeit“, unter welchen Voraussetzungen und Umständen, die Dame dem Herrn, oder doch nicht, wenn sie jünger ist? Und dann hast du es endlich geschafft und darfst deinem Chef DU sagen, doch das bringt auch nicht nur Vorteile, denn wieso gerade du und andere vielleicht nicht…  …oder noch besser: privat offeriert man dir das DU und auf der Arbeit gilt das SIE. Alles erlebt, kein Witz.  
Dann kommt es heute immer häufiger vor, dass in den Leitbildern von Firmen offiziell die DU-Kultur verankert ist und diese Kultur aktiv gelebt wird. Auch in Restaurants oder Läden verbreitet es sich immer mehr, dass die Kunden durchs Band geDUzt werden. Gut oder schlecht? Anders als früher halt. Das ist aus meiner Sicht in Ordnung und nicht zu bewerten. 

Die Frage ist nur: Wie handhabst es DU für dich? Und für oder in deinem Business? Bist du ständig hin und her gerissen, oder hast du eine klare Linie und ziehst sie durch? Oder weichst du aus, versteckst dich hinter einem charmanten „Hallo und Ade“ und gibst dir Mühe die Sätze so zu formulieren, dass du auf DU’s und/oder SIE’s verzichten kannst, um keine Farbe bekennen zu müssen? 

Na, ertappt? Kenne ich auch von früher, heute ist es anders, da habe ich meine klare Linie, dass ich keine Linie habe und auf mein Bachgefühl höre was in welcher Situation gerade stimmig erscheint.  Oder irritiert es dich, wenn du den Titel deines Gegenübers auf seiner/ihrer Visitenkarte kennst und dich nicht getraust wegen eines Dr., phil., Lic., Dipl., med., dent., Phys., CEO, Mitglied des Verwaltungsrates, o.ä. ihn/sie anzusprechen geschweige denn zu DUzen bzw. es anzubieten? Ich könnte noch stundenlang über dieses Thema philosophieren und finde die unterschiedlichen Ansichten und Handhabungen sehr spannend (zu beobachten). 

Ich für mich habe entschieden: you can say YOU to me! …oder auch DU, oder TOI. Und solltest du deshalb in Versuchung kommen mir nicht respektvoll gegenüberzutreten (scheint ja so noch in manchen Köpfen implementiert zu sein und damit in Verbindung gebracht zu werden), so hast du mich auch das letzte Mal geDUzt weil wir dann nichts mehr miteinander tun haben. 

Dein Standpunkt zu dieser Thematik interessiert mich und ich freue mich, wenn du ihn mit mir teilst, über welchen Kanal oder Medium auch immer. Und sollte es in dir ein Unbehagen auslösen, dass wir bereits per DU sind (und uns noch gar nicht kennen) und du deshalb nicht auf mich zukommst, dann sagen wir uns doch (vorerst) einfach SIE! ;-)